Friday, February 22. 2008Der letzte EintragEs ist vorbei. Ich bin zurück. Dieser Beitrag wird schon wieder aus Österreich geschrieben. Ich habe es mittlerweile aufgegeben die Ereignisse aus dem Januar noch nachzutragen. Alles in allem bleibt nur zu sagen, dass es ein sehr zerstückelter letzter Monat war, zwischen einer ernsthaften Verschlechterung meines Asthmas, einer umständlichen Visa-Verlängerung und zwei sehr unterschiedlichen Mini-Urlauben in Dogola und an der Pazifikküste. Um so tränenreicher der Abschied aus La „Y“ de la Laguna. Ich blicke nicht nur auf ein halbes Jahr Ecuador zurück, sondern auch auf jede Menge neuer Bekanntschaften, Erlebnisse und Erfahrungen. Ob ich ein Anderer geworden bin? Das bleibt eurer Beurteilung überlassen, selbst merkt man so was immer am wenigsten. Aber hier soll es auch nicht vornehmlich um mich gehen, denn dies ist nicht mein Abschied, sondern der meines Blogs. Was ist also hier im Blog passiert? Nach 144003 geschrieben Zeichen und 73 Einträgen (das sind durchschnittlich 1972,64 Zeichen pro Eintrag) kann man sagen es wurde genug gesagt. In fast sieben Monate habe ich durchschnittlich 9,86 Beiträge pro Monat geschrieben, was ich mit dem immer erschwertem Internetzugang rechtfertige. Ich habe insgesamt 60 Bilder in diesen Blog gestellt, und wenn man bedenkt, dass der langsame Internetzugang in Quinindé minutenlang für jedes einzelne davon braucht, kann man sich vorstellen wie viel Lebenszeit mich das gekostet hat. Ganz abgesehen von der Zeit, die ich für das Schreiben benötigt habe. Aber ich denke all das hat sich gelohnt, wenn ich an meine eifrigen Leser denke. Hier noch ein dickes Danke an Geraldes Pereira-Ferreira, den Webmaster der Südwerk-Seite, für die Zusammenarbeit und Geduld mit mir. Ich will hier gar nicht erwähnen, wie oft ich aus Verzweiflung über die ecuadorianischen Internetzustände meinen Blog von Geraldes habe eintragen lassen. Danke! Saturday, December 29. 2007Ein kompletter MomentEs ist Adrians Geburtstag. Wir sitzen nachmittags um drei bei einem Flaschenbier in einem kleinen Laden am Eck im anscheinenden Künstlerviertel Santo Antonio. Die Besitzerin ist eine ältere nette Dame, mit drolliger Lockenfrisur und Falten aus einem Leben voller Lachen und Weinen. Sie verschwindet beinahe hinter dem großen Ladentisch, in dessen Schaufenster sich Kaugummis und Schokoladenriegel stapeln, nur der kleine Kopf lugt vielleicht etwas neugierig, aber alt genug um es zu verbergen, dahinter hervor. An einem Tisch in der Ecke sitzen zwei Herren, der eine dicker, der andere älter. Beide mit ganz klaren, zum Schauen geschaffenen Augen. Auch sie trinken ihr Bier, überall auf dem dunkeln Holztisch haben ihre Flaschen Bierkringel hinterlassen. Alles scheint zu warten, noch wissen wir nicht auf was. Aber dann tritt Mauro ein, sein Auftritt, wie aus einem Theaterstück genommen. Ganz in weiß gekleidet, sein langes und schon grauendes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Als hätte er dieses Erscheinen schon tausendmal geprobt hat er sofort alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er reicht mir die rechte Hand und zieht dann sofort seine Linke nach, schüttelt mir wertschätzend mit beiden Händen die meinige. Während er die anderen begrußt hält er mit seiner Linken weiterhin meine Rechte fest. Als er sie loslässt zählt er mit weit ausgestrecktem Arm die Anwesende durch und wendet sich an den Kopf hinter dem Ladentisch, von dem er ebensoviele Bierflaschen verlangt, wie Personen anwesend sind. Daraufhin lässt er sich auf einem Barhocker in der Mitte unseres Halbkreises nieder, er hat seine Bühne gefunden. Von dort ragt sein Kopf weit über die unseren empor, in seinem weißen Gewand sieht er aus wie der Prophet, der uns vom Podest aus die Geburt des Messias oder den Untergang der Welt voraussagt. Seine Weisheiten beginnen unerwartet profan: „Unser Leben ist das Ergebnis von Papis und Mamis Sex!“ Doch Mauro redet nicht nur mit dem Mund alleine, seine Arme erzählen in großzügigen, auschweifenden Bewegungen aufgeregt mit. Wir sehen dem Spektakel unglaubwürdig zu. Und während Mauro redet, treten nun durch die verzauberte Tür dieses schrulligen Ladens all die Charaktere ein, von denen sonst nur Romanautoren erzählen. Ein zwei Meter großer, freundlicher Mann, dessen gutes Herz man durch sein Hemd hindurch unter seinem Anzug hervorstrahlen sehen kann. Sein Lächeln irgendwo zwischen naiv-fröhlich und allwissend-zufrieden. Mauro scheint ihn nicht wirklich zu bemerken, er ist vollkommen in seiner eigenen Erzählung gefangen. In diesem Augenblick hält eine restaurierte Vespa vor der Tür, ein junger, schwarzer Mann, anfang zwanzig steigt ab und schnallt einen Kasten Bier von seinem Gefährt ab. Diesen trägt er dann mit nur scheinbar an dem Geschehen in unserem kleinen Laden uninteressiertem Blick zu uns herein und stellt ihn neben dem Ladentisch ab. Dabei setzt er seinen schützenden Helm nicht ab, wie ein Astronaut auf Forschungreise in einer unbekannten Welt stapft er durch den Wunder gewordenen Raum. Der kleine Frauenkopf kommt hinter dem Ladentisch hervor und bekommt dabei einen Körper, Beine und Füße. Mauro lässt sich nicht stören, er rudert weiter mit seinen Armen irgendwo durch die Trivialphilosophie, lässt sich manchmal von kleinen Wellen der Geschichte wiegen und strandet auf der einsamen Insel des Humors. All das vollbringt er auf der schmalen Fläche seines Barhockers, mit dem er über uns thront. Aber über seinen Kopf noch hinaus ragt lächelnd der Kopf des Zwei-Meter-Mannes, wie ein liebender Gott, der den Worten seines Propheten lauscht, als wüsste er alles schon was dieser sagen wird. Der junge Bierbote verlässt unsere kleine Welt wieder, seine Vespa klingt viel unbeschwerter als sie nun wieder nach Atem schnappt und sich in Bewegung setzt. Die beiden Männer am Ecktisch erwachen jetzt zum Leben, steigen in Mauros Monolog mit ein, den wir nur mit kurzen Antworten zu unterbrechen wagten. Mauro wird sein kleiner Barhocker zu klein, seine Bewegungen müssen noch größer werden, er steht auf und kommt mit seinem Gesicht ganz nah an das meine und flüstert mir etwas ein, das nicht mal Gott hören kann. Eine Hand auf meiner Schulter und ein wohlwollendes Zähneblitzen, das im eifrigen Nicken des Kopfes untergeht, versichern mir seine Zuneigung. Langsam beginnt sich meine Zeit langsamer zu drehen, alle meine Sinne sind angespannt, um alles was um mich herum geschieht in mich aufzusaugen, so einmalig ist das alles. Meine Augen sehen nicht nur, sie tasten das Relief bunter Farben, welches dieses Schauspiel vor mir vereint, Zentimeter für Zentimeter ab. Als ich die Vespa wieder anrauschen höre, wieder unter der Last eines neuen Bierkastens stöhnend, und kurz darauf der Bierbote mit seinem Astronautenhelm erneut eintritt, da weiß ich, dass ich mich in einem kompletten Moment befinde. Nichts kann diesem Moment entweichen, zu stark ist seine Gravitation. Der Bierastronaut auf seinem Vesparaumschiff konnte nicht genug Energie aufbringen, um das Gravitationsfeld zu verlassen. Die Autos, die vor der Tür in seltenen Abständen bergauf und bergab fahren, sind immer die selben, gefangen auf der Umlaufbahn dieses Momentes. Ein hübsches Mädchen in gelbem Shirt und abgetragenen Jeans kommt immer wieder neu an einem kleinen Laden an einer Ecke in Sant Antonio vorbei. Sie weiß nicht warum. Alles dreht sich... und Gott lächelt. Friday, December 28. 2007Eine lange FahrtIch bin in Kolumbien. Klischees kann ich leider keine bestätigen, bis jetzt hab ich weder übermäßig Kokain noch irgendwelche Guerillas gesehen. Das findet anderswo statt. Wir sind zu Besuch bei Edwin, dem Direktor der Fundation, und seiner Familie in Cali. Endlich kann ich ein bisschen Sonne fangen, nach all dem Nebelwald. Noch am ersten Weihnachtstag hab ich Dogola und La Y hinter mir gelassen und bin direkt bis nach Quito durchgefahren. Nach vierundzwanzig Stunden Quito bin ich zusammen mit Adrian, dem Präsidenten der Fundation, an die kolumbianische Grenze gefahren, wo wir um sieben Uhr morgens in einem Frühstückscafe nicht ganz zufällig auf Marianne, Josefine und Johanna, das ist Edwins Frau, getroffen sind. Von dort aus ging es dann schließlich nach ungefähr zweistündigem Grenzaufenthalt weiter nach Pasto, wo Edwins Vater schon neun Stunden lang auf uns wartet. Dann neun weitere Stunden im Bus bis nach Cali, wo wir um circa ein Uhr morgens eintreffen und erstmal die Familie kennenlernen. Wunderbare Menschen, von der Schwester bis zum Schwager. Was wir in der ersten Nacht nicht wissen, während wir in den, im Vergleich zu den Bussitzen, wunderbar weichen Betten liegen: Wir haben die ganze Familie auf den Wohnzimmerfußboden verdrängt. Jetzt sind wir gespannt, was als nächstes passiert. Monday, December 24. 2007Weihnachtsblut im grünen GrasVon Schnee träume ich allemal. Weiße Weihnacht, so etwas gibt es hier nicht. Christkindlmarkt... kann man vergessen. Lebkuchen, Adventkranz, Punschtrinken oder auch nur ein kleiner Tannenzweig, das alles war hier nie. Keine Weihnachtsbäckerei, kein Zimtgeruch und um sechs Uhr abends ist es immer noch hell. Kein Wunder, dass keine Weihnachtsstimmung unter uns aufkommt. Ein paar Blinklichter müssen reichen, um uns vorzugaukeln welche Jahreszeit wir haben. Am Wetter hat sich nichts geändert, es ist eher noch heißer geworden und statt schneebedeckter Wälder sehe ich rund um mich nur Kakao- und Bananenplatagen. Ich verbringe Weihnachten in Dogola in der Familie meines Patenkindes. Um zehn Uhr morgens verlassen wir das Haus und gehen zur Schule, wo heute die ganze Gemeinde zusammen Weihnachten feiert. Das dazugehörige Schwein liegt schon geschlachtet im Gras neben der Schulküche und während nun begonnen wird, der Leiche die Borsten abzurasieren, schlecken ein paar streunende Hunde das frische Blut aus dem befleckten Grün. Nicht der weihnachtlichste Anblick. Und irgendwie schmeckt mir dann das zwischen Tür und Angel eingenommene Weihnachtsmittagsessen im Stehen nicht so richtig. Meine Suppe lass ich stehen, wer weiß was darin gelandet ist. Der Tag vergeht wie jeder andere, die Frauen sind am Kochen und die Männerwelt vergnügt sich mit Billard und Zuckerrohrschnaps. Aber noch hab ich Hoffung, für den Nachmittag hab ich zusammen mit dem Lehrer der Schule ein kleines Weihnachtsprogramm einstudiert, die Kinder werden ein eigens neu geschriebenens Grippenspiel dargeben und dann einige ihrer besten Weihnachtslieder vortragen. Eine kleine Grippe habe ich am Vortag zusammen mit den Frauen des Dorfes aus Kokospalmenblättern gebaut. Dahin schlägt jetzt mein Herz. Und mit dieser Motivation locke ich die Herren von ihrem Billardtisch weg und lasse sie sich in den Zuschauerreihen niedersetzen. Der Lehrer gibt spontan das Wort an mich: „Der Freiwillige Felipe will nun noch einige Worte zum Weihnachtsfest sagen...“ Etwas überrascht davon versuche ich trotzdem das Publikum weihnachtlich zu stimmen. Ein Fest der Liebe. Wir sollten auf’s Geld vergessen, auf allen Zwist. Ein Fest der Familie. Ich weiß eigentlich selber nicht. Ich spreche davon wie anders Weihnachten bei mir daheim ist. Aber schließlich ist doch der Grund warum wir feiern auf der ganzen Welt gleich. Und damit beginnt das kleine Stück, der Engel erscheint Maria und verkündigt ihr die Geburt des Königs der Juden. Den Rest kennt jeder, nur Joseph hat seinen Text vergessen. Das Jesuskind ist in Wahrheit ein Mädchen. Aber das fröhliche Volk beginnt trotzdem zu singen, eine übermütige Mutter springt mit auf die Bühne und steigt eifrig mit in den Chor ein. Verhaltener Applaus, das war mein ganz persönlicher Weihnachtshöhepunkt. Der Rest ist ein Fest wie jedes andere: Technocumbia wird aufgelegt und nachdem zunächst nur die Kinder tanzen, trauen sich schließlich auch die Erwachsenen. Ein paar Tänze mach ich noch mit, aber so ganz dabei bin ich nicht. Das ist mir nicht Weihnachten genug. Aber immerhin hab ich aus all dem gelernt, dass mir das stille Fest wohl doch noch was bedeutet, auch wenn man das sonst so schnell nicht zugibt... Weihnachtenhasser sind Modegestalten. Thursday, December 20. 2007SchweinefutterEin entsetzter Gesichtsaufrdruck kann hier mit Leichtigkeit in jedes Einheimischengesicht gezaubert werden, wird über Bananenpreise in Europa gesprochen. Für den Preis von fünf oder sechs europäischen Bananen bekommt man hier eine ganze Staude. Und was bei uns undenkbar wäre, wird hier als ganz selbstverständlich gehandhabt. Feinste und süßeste Bananen, Qualität von der Europäer nur träumen können, Frische die ihnen auf immer verwehrt bleibt... das wird hier an die Viecher verfüttert. Denn die Schweine werden davon so schön schnell fett. Hühner sind ganz begierig darauf, aus einer lieblos in den Hof geworfenen Bananenstaude ihren Anteil herauszupicken. Pferde bekommen abends statt Kraftfutter eine ordentlich Portion gelbgekrümmter Früchte vor die Hufen geschmissen. Der Mensch ißt lieber Reis. Von Bananen wird man nämlich so schnell fett. Es wird gesagt, dass zwei Bananen und ein Glas Milch am morgen sogar mich Untergewichtigen endllich mal auf Vordermann bringen könnten. Bananen sind allgegenwärtig, nichts besonderes. Und so wie die Inuit ihre hundert Worte für Schnee haben, so gibt es hier mehr Wörter für Bananen als ich mir beim besten Willen merken kann... und dann auch noch so viele Verschiedene Sorten... die kleinen Süßen, grüne und gelbe Kochbananen, rote Bananen, die ganz Dicken, oder die mehligen... So wie bei uns vielleicht Äpfel. Monday, December 17. 2007EinzelunterrichtWieder bin ich in Dogola, wieder in der Schule. Aber diesmal ist etwas anders. Der Lehrer fehlt. Er ist auf Fortbildung und ich eröffne die Schule heute ohne ihn. Die Kinder sehen mich erwartungsvoll aus ihren Schuluniformen heraus an. Es ist kein Zufall, dass sie ihre Schuluniformen anhaben, denn es ist Montag. Nur Montags werden hier in Dogola die Schuluniformen angezogen, die werden nämlich viel zu schnell dreckig. Aber mindestens Montags muss es schon sein. Montags wird sich nämlich im Schulhof aufgereiht und dann Eins-Zwo die Nationalhymne gesungen. Ich zähle nur an, den Rest überlasse ich ihnen. Ich stehe rechts von der Fahne, so wie es gesetzlich vorgegeben ist. Wir stehen alle stramm, denn so wollen das die Staatsmänner, Hände gefaltet. Für mich alles ein bisschen ungewohnt, aber ich will niemanden vor den Kopf stoßen. Ich bin ja nur Gast in diesem Land. Fingernagelkontrolle erspare ich mir dann aber doch und ruf schnell die Klassen einzeln zum Reingehen auf. Auf geht’s, hinein in meinen ersten Vollblutlehrertag. Die Kleinen werden mit Sätzen wie „Papa raucht Pfeife“ beschäftigt, zugegebenermaßen nicht sehr kreativ von mir. Die Großen diktieren sich selbst einen Text über den menschlichen Körper. Kopf-Rumpf-Extremitäten. Und dazu die einzelnen Funktionen. Mit den beiden mittleren Graden gehe ich nochmal die Textklasse Geschichte durch, was ist denn bloß der Unterschied zu einer Legende? Dann schreiben sie eine Zusammenfassung über eine hübsche Vogelgeschichte aus dem Lehrbuch. Nach der Pause setze ich mich noch mal mit den Großen auseinander. Die fünf Sinne. Welche sind chemisch, welche mechanisch oder auch optisch? Durch welches Medium werden die Signale übertragen? Was sind die Organe? Beim Tastsinn kommen wir ins Stocken. Sie rätseln herum. Schließlich muss ich ihnen die Lösung sagen: Es ist die Haut. Die Zusammenfassungen zur Vogelgeschichte sind leider nur sehr dürftig geworden. Die Kleinen werden ungeduldig, streiten sich, werden laut. Anita bricht in Tränen aus. Sie hat ihren Bleistift zerbrochen. Eine der Älteren klebt ihn mit Klebeband wieder zusammen. Ronaldos Radiergummi ist durch eine Ritze im Boden gefallen. Die Unruhe ist nicht mehr aus der Klasse zu kriegen. Als ich ihnen ihre Hausaufgaben gebe, ist es schon zwölf. Ich entlasse sie eine halbe Stunde zu spät zum Mittagessen. Ich bin völlig geschafft. Saturday, December 15. 2007OberstufenenglischAuf Bitte der Direktorin der hiesigen Oberstufenschule, genannt Colegio, so etwas wie ein Gymnasium, geben Marianne und ich jetzt wöchentlichen Englischunterricht in dieser Einrichtung. Die Schule ist dazu nämlich gesetzlich verpflichtet, aber keiner der Lehrer hat die Englischkenntnisse um das zu vollbringen. Da viele der Schüler von sehr weit herkommen (einer verlässt um vier Uhr morgends sein Haus) handelt es sich bei dieser Schule um ein Fernstudium, man trifft sich immer nur samstags. Wir geben also jeden Samstag für zwei Stunden eine kleine Einführung in die englische Sprachwelt, wobei wir die Schüler in eine Anfänger- und eine Fortgeschrittenengruppe eingeteilt haben. Marianne hat die deutlich großere Anfängergruppe, ich die Fortgeschrittenen. Seit neuestem entfleuchen mir Sätze wie „Macht bitte eure Hausaufgaben, das ist Teil eurer Note!“ oder „Nicht so schüchtern, alle kommen mal an die Tafel!“. Ich hab doch tatsächlich die Fronten gewechselt und spüre nun ab und an die Frustration, wenn ich eine schon so oft wiederholte Lektion nocheinmal aufgreifen muss. Hausaufgabenabsammeln, zu Ruhe ermahnen, und immer wieder die Frage „Wer weiß was das heißt? Weiß das einer von euch?“, all das kenne ich schon, nur eben von der anderen Seite des Klassenzimmers aus... und auf Deutsch. Wednesday, December 12. 2007Der neue ArztEndlich, nach langer Wartezeit, schickt uns das Ministerium wieder einen neuen Arzt, vorallem zu Josefines Erleichterung, die jetzt auch mal wieder ausatmen kann. Den ganzen November lang, war sie die Ärztin hier im Gesundheitszentrum, eine Rolle die ihr als Medizinstudentin, manchmal über den Kopf gewachsen ist. Wie jeder neue der herkommt, will natürlich auch der neue Arzt erstmal alles verändern, hier muss noch ein Waschbecken hin und die Medikamente muss ich alle griffbereit haben. Aber schnell muss er einsehen, dass all das an den strengen Vorgaben des Ministeriums scheitert, oder an unseren Finanzen. So ganz hat er sich auch noch nicht daran gewöhnt, dass er jetzt mittem im Regenwald lebt... er kommt aus Guayaquil, der zweitgrößten Stadt in Ecuador und lebt dort in einem recht luxeriösen Penthouse mit Stadtblick. Er ist vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Gringo als wir es sind. Ohne Handy geht für ihn gar nichts, immer dabei. Wenn er mal im Hospital auf Fortbildung ist, schickt er ständig Kurznachrichten wie langweilig ihm ist und wie es uns denn so geht. Er ist verliebt in das Ding. Er kann es nicht fassen, es gibt kein Wasser? Ja, manchmal tagelang nicht. Tagelang? Strom fällt auch immer wieder aus. Strom fällt aus? Der Arme... das wird ein langer Gewöhungsprozess für ihn. Sunday, December 9. 2007Einmal Dogola und zurück!Ich habe mich schließlich dazu entschlossen, einmal in der Woche ins Paradies zu wandern, auch wenn es fünf Stunden Fussmarsch dorthin sind, im Winter, wenn die Wege nass sind, sogar noch mehr... Nicht ganz uneingennützig natürlich, aber auch nicht alleine zu meinem Vergnügen. Ganz bestimmt will ich auch wegen meinem Patenkind wieder hin, aber ganz unprofessionell werde ich darüber auch wieder nicht. Ich werde dort in der Schule aushelfen, der Lehrer in Dogola ist nämlich ganz alleine mit sieben verschiedenen Klassen, die aus gerademal 25 Kindern bestehen. Und nachdem Marianne nun die Biblioteca und die Englischklassen in der Schule in La Y sehr gut im Griff hat, kann ich mir die Freiheit herausnehmen und von Sonntag bis Donnerstag meine Zeit in Dogola verbringen. Hier lese ich den kleinen Kindern dann Geschichten vor, aus denen wir nachher Sätze herausschreiben, diktiere den Älteren mal etwas oder versuche die dritte und die vierte Klasse an das Schreiben einer Zusammenfassung heranzuführen. Mit den Großen verbringe ich schließlich ein bisschen Zeit in der Bibliothek, wo wir den Unterschied zwischen fiktiven und sachlichen Büchern lernen. Der Frage, ob die Bibel ein fiktives oder sachliches Buch sei, weiche ich geschickt aus, denn ich will mit meiner Antwort die Eltern nicht verärgern. Die Kleinsten sind ganz begeistert von der Geschichte des Frosches, der sich eines Tages so schrecklich seltsam fühlt, aber nicht glaubt, dass es eine Grippe ist, bis er schließlich herausfindet, dass er verliebt ist, ausgerechnet in die Gans. Sein rascher Herzschlag geht „BumBum-BumBum“ und alle schlagen sich begeistert dazu auf die linke Brust. Ich fühle mich ganz wohl in dieser Lehrerrolle, aber das sagt trotz allem noch lange nichts über spätere Berufsentscheidungen aus. Friday, December 7. 2007AufräumarbeitenWir müssen endlich in das neue Haus einziehen, krankenhausgrün oder nicht. Bei mir grenzt es beinahe schon an einen Rauswurf: „Wir brauchen dein Zimmer für den neuen Arzt.“ Aber ich habe auch lange genug mit dem Umziehen gewartet, hab vielleicht sogar rumgetrödelt. Meine Entschuldigung ist das entsetzliche Krankenhausgrün... da wird man doch depressiv. Aber der neue Arzt komm bald an und da muss ich eben raus, hab ich doch frech seit Ende Oktober im Arztzimmer gewohnt... für mich hatte es auch sein guten Seiten, dass kein Arzt da wahr. Aber der neue kommt. Also wird noch mal Generalputz im neuen Haus gemacht, alles auf den Kopf gestellt und was noch an Bauschutt herumliegt einfach auf den Schlammweg geworfen. Das wird den Autos beim hochfahren vielleicht ein bisschen Halt geben, besser als anderswo ist es jedenfalls. Und dann ziehen wir ins neue Haus, wo ich mir schon seit Monaten ein Zimmer reserviert halte. Denn nicht alle haben zwei Fenster und wenn das Haus schon krankenhausgrün ist, dann brauch ich wenigstens zwei Fenster. Monday, December 3. 2007Die veränderte BrilleWahrnehmungsveränderungen sollten eigentlich anders genannt werden, denn schließlich merkt man gar nicht, dass sich etwas verändert hat. Vielmehr hat man seine Wahrnehmung an die äußeren Reize angepasst und somit das zunächst noch Aufällige in das Triviale umgewandelt. Wir zumindest haben von all dem nichts mitbekommen, wir gehören aber auch zu der Spezies unter der Schöpfung, die ein schlauer Mann sogar mal dadurch definieren wollte, dass sie sich an alles gewöhnt. Und so haben wir uns auch wirklich an alles gewöhnt, vielleicht nur, damit dieser schlaue Mann recht behielt... noch Jahre nach seinem Tod. Dieser Gewöhnungsprozess in uns Gringos hier wird uns erst von einem unerwarteten äußeren Ereignis klargemacht, wir hätten nie gemerkt, wie sehr wir uns verändert haben. Aber nachdem nun mit Marianne eine neue Kraft angelangt ist, die noch die alte Werteordnung repräsentiert, welche in unseren Köpfen unmerklich überschichtet wurde, da fällt es uns wie ein Schleier von den Augen. Stimmt, Hühnerfüße auf dem Tisch sind doch eigentlich mal etwas Ekelhaftes gewesen, früher hat man auch mal Messer und Gabel benutzt. Das die Leute unten auf dem Platz oft stundenlang nur dasitzen ist mir auch mal komisch vorgekommen, jetzt sitze ich schon selbst unter ihnen. Und als Josefine und Marianne beim Hinabsteigen ins Dorf ein gerademal wohlgenährter Hund über den Weg läuft, du ruft Josefine zum Erstaunen Mariannes aus: „Oh! Ein dicker Hund!“. Marianne kann ja nicht wissen, wie viele abgemagerte Hunde wir hier schon sehen mussten, da freut man sich über jeden, der ein bisschen was auf dem Leibe hat. Sie wird sich auch noch daran gewöhnen, ihre Brille wird sich schon noch färben... Friday, November 30. 2007Lesen und Schreiben lernen...... gehört sicherlich zu den schwierigeren Aufgaben, denen sich diejenigen die, aus welchen Gründen auch immer, niemals eine Schule besucht haben, stellen können. Ich habe jedenfalls großen Respekt vor meinen Schülern, die alle bereits Kinder haben, die ihnen diesen Schritt schon voraus haben. Vier Analphabeten habe ich schließlich im Dorf ausfindig machen können, sie können alle schon die Vokale, sogar teilweise einige Konsonanten, aber wie man diese verdammten Buchstaben zusammensetzt, welche Klänge dabei entstehen oder wie man sie gar zu Worten zusammensetzen kann, daran scheitert es schließlich. Ich verstehe zugegebenermaßen nicht sonderlich viel von Analphabetenbildung, aber ich stürze mich gerne in ein solches pädagogisches Abenteuer, und lerne in der Praxis. Solange es uns allen Spaß macht, sehe ich daran nichts auszusetzen und ein bisschen was kann ich doch von meinen, immerhin erwachsenen, Schülern auch erwarten, wir entwickeln uns gemeinsam ein Programm. Nach den ersten zwei Stunden weiß ich, dass der beste Konsonant, an dem man die Vokale erstmals ausprobieren kann, das P ist. „Pa-Pe-Pi-Po-Pu“... so klingt ein P. Das muss man melodisch dahersagen, ganz bewusst auf seine Lippenstellung achten, wie sich der Mund vom P aus in jedes Vokal hinein ganz anders öffnet. Du lässt ganz einfach das Weiche und Harte oder das Helle und Dunkel gegeneinander anspielen, bis dir diese fünf Silben auf der Zunge zum Genuss werden, du sie beinahe schmecken kannst. Die ganze Familie macht mit, die Kinder verlieren sich hingebungsvoll im „Pa-Pe-Pi-Po-Pu“ und den Erwachsenen entweicht ein kleiner Lacher, als sie merken, dass dieser gemeinsame Spaß auch seine Lächerliche Seite hat. Aus dem P und den Vokalen formen wir dann die ersten Worte, die Kartoffel „Papa“, den Kern „Pepa“ oder die Pfeife „Pipa“. Und dann geht es mit dem M und „Ma-Me-Mi-Mo-Mu“ weiter, diesmal lässt „Mamá“ grüßen... Tuesday, November 27. 2007Haus ausmalenEigentlich will ich nicht drüber reden, es tut mir in der Seele weh. Das schöne daran ist, dass unser neues Haus im Grunde fertig und beziehbar ist. Aber ich sollte mich eigentlich weigern einzuziehen, denn so lasse ich mich nicht behandeln. Zuerst war ich noch fröhlich dabei, an dem Haus mitzuschaffen, aber dann sind sie zu weit gegangen und ich habe meinen Pinsel niedergelegt. Ich will bei diesem Verbrechen gegen den guten Geschmack nicht in Mittäterschaft gezogen werden. Ausgerechnet Krankenhausgrün. Muss das sein? Wer soll denn in dem Haus nachher leben? Krankenhausgrün? Da mach ich nicht mit, das müsst ihr schon alleine tun. Ich bin schließlich Waldorfschüler gewesen... Farbenlehre und alles... bei Krankenhausgrün darf ich nicht mitmachen. Das sagt die Ästhetik, die Moral der Farben. Und ob ich nachher in das Haus einziehe, überlege ich mir noch. Wie passt den bitte Krankenhausgrün zu den schönen Holzfarben des oberen Stockwerkes? Einfach nicht gringogerecht! Da schlaf ich lieber unter freiem Himmel. So nicht! Saturday, November 24. 2007Gracias Marlis, ne?Marlis, sie hat hier im Gesundheitszentrum seit Mitte Juli im Labor zusammen mit Guido, dem Laboranten des Projektes, gearbeitet und ihm durch ihre Vertretung eine Ausbildung im fünf Stunden entfernten Esmaraldas ermöglicht, die ihn nun auch Dengue- und Haemoglobinuntersuchungen erlaubt. Darüber hinaus hat sie die für diese Tests nötigen Zentrifugen mit Geld, das sie in ihrer Familie zusammengetrommelt hat, angeschafft. Aber nicht nur Guido verdankt ihr einiges, für uns jüngeren Voluntarios war Marlis die Gesundheitsstationsmutter, mich hat sie zum Beispiel während der Zeit meiner Hautkrankheit ganz rührend gepflegt. Aber in Wahrheit sind ihre Kinder alle schon erwachsen und sie eigentlich schon eine Oma. Aber junggeblieben. Ihr herzhaftes Lachen hat uns in so mancher abendlichen Runde mitgerissen. Wo es etwas zu tun gab, da hat sie angepackt, weil sie hergekommen ist um etwas zu schaffen. Bei unseren Wanderungen nach Bilsa, oder hinunter zu Laguna, musste sie keinesfalls zurückbleiben, und ich wäre froh, wenn ich in ihrem Alter auch nur noch halb so fit wäre wie sie es jetzt ist. Eine Frau aus purer Energie, hat man manchmal das Gefühl, wenn man sie frühmorgends schon Yoga im Garten machen sieht. Sie kommt aus Bremen, das hört man ihr vielleicht nicht an, aber ihr wunderbares „Ne?“ am Ende eines jeden Satzes haben wir mit der Zeit schätzen gelernt. Und nach Bremen geht sie nun auch wieder zurück, nach allem was sie hier vollbracht hat. Wir verlieren sie nur schweren Herzens und haben eine wunderbare Abschlussfeier mit ihr, ihrem Mann und einer Freundin, die vor ein paar Tagen in Ecuador gelandet sind und mit denen sie nun auch noch eine Zeit durch Ecuador reisen wird. Wir essen ein herrliches, vegetarisches Essen, wie es Marlis zukommt und dann bin es diesmal ich, der ihren Kopf in die Abschiedstorte drücken darf, während Alex die Torte hält. Mit einem herrlich verschmierten Kuchengesicht, aus dem immer noch ihr ewiges Lächeln hervorsticht küsst sie frech Alexandra und mich auf die Backe und wir werden Teilhaber an dieser Tortenglücklichkeit. Wir lachen viel an diesem Abend, an dem wir nicht traurig sein wollen, obwohl wir eine der Besten verlieren. Wir sind stolze Bauerntrampel!Später geht es auf’s Fiesta in Limon, wo schon eine Tanzgesellschaft auf uns wartet. Der kleine Lastwagen, der uns dorthinbringt, ist hoffnungslos mit Menschen überladen, wir müssen an die vierzig sein, auf einer Fläche von vielleicht fünf Quadratmetern. Ich hänge außen an dem Pick-up, während mir das Hinterrad ständig Schlamm gegen mein rechtes Schienbein spritzt. Aber wir kommen lebendig in Limon an, noch rechtzeitig zu Königinnenwahl, die wir wirklich nicht verpassen wollten. Es ist ein Fiesta wie jedes, für Marlis allerdings der Abschiedstanz, den sie mit ihrem Ehemann zusammen auf der Betontanzfläche darbringt. Ich darf auch noch ein letztes Mal mit ihr tanzen. Letzte Nacht hat es geregnet, darum tanzen viele in Gummistiefeln. Die sexy Kombination mit Rock oder Kleid tragen nur besonders Selbstsichere. In den schicken Tretern aus schwarzem Gummi hat jeder Schritt etwas ungeschicktes, tölpelhaftes, aber wir finden uns langsam in der Rolle als Bauern zurecht.
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Kommentare
Thu, 18.10.2007 23:19
Bussal Doris, Das wuerdet ihr doch hoffentlich nicht tun, K aesespaetzle ohne mich... Abe r keine Angst, der Piran [...]
Wed, 17.10.2007 10:06
hej wolf! lass dich nicht von den piranhas fressen, sonst m üssen wir die käsespätzle alle ine essen!
Thu, 06.09.2007 02:07
Na klar, is ja Ehrensache!
Tue, 04.09.2007 21:07
Ja, der Pichincha reiht sich f uer mich nur in die Reihe unbe zwungener Berge ein, genau wie der hohe Mandling... ab [...]
Sat, 01.09.2007 02:28
LoL wärst du nur damals am Hoh en Mandling auch schon so 'har t' gewesen