Von Schnee träume ich allemal. Weiße Weihnacht, so etwas gibt es hier nicht. Christkindlmarkt... kann man vergessen. Lebkuchen, Adventkranz, Punschtrinken oder auch nur ein kleiner Tannenzweig, das alles war hier nie. Keine Weihnachtsbäckerei, kein Zimtgeruch und um sechs Uhr abends ist es immer noch hell. Kein Wunder, dass keine Weihnachtsstimmung unter uns aufkommt. Ein paar Blinklichter müssen reichen, um uns vorzugaukeln welche Jahreszeit wir haben. Am Wetter hat sich nichts geändert, es ist eher noch heißer geworden und statt schneebedeckter Wälder sehe ich rund um mich nur Kakao- und Bananenplatagen.
Ich verbringe Weihnachten in Dogola in der Familie meines Patenkindes. Um zehn Uhr morgens verlassen wir das Haus und gehen zur Schule, wo heute die ganze Gemeinde zusammen Weihnachten feiert. Das dazugehörige Schwein liegt schon geschlachtet im Gras neben der Schulküche und während nun begonnen wird, der Leiche die Borsten abzurasieren, schlecken ein paar streunende Hunde das frische Blut aus dem befleckten Grün. Nicht der weihnachtlichste Anblick. Und irgendwie schmeckt mir dann das zwischen Tür und Angel eingenommene Weihnachtsmittagsessen im Stehen nicht so richtig. Meine Suppe lass ich stehen, wer weiß was darin gelandet ist.
Der Tag vergeht wie jeder andere, die Frauen sind am Kochen und die Männerwelt vergnügt sich mit Billard und Zuckerrohrschnaps. Aber noch hab ich Hoffung, für den Nachmittag hab ich zusammen mit dem Lehrer der Schule ein kleines Weihnachtsprogramm einstudiert, die Kinder werden ein eigens neu geschriebenens Grippenspiel dargeben und dann einige ihrer besten Weihnachtslieder vortragen. Eine kleine Grippe habe ich am Vortag zusammen mit den Frauen des Dorfes aus Kokospalmenblättern gebaut. Dahin schlägt jetzt mein Herz. Und mit dieser Motivation locke ich die Herren von ihrem Billardtisch weg und lasse sie sich in den Zuschauerreihen niedersetzen.
Der Lehrer gibt spontan das Wort an mich: „Der Freiwillige Felipe will nun noch einige Worte zum Weihnachtsfest sagen...“ Etwas überrascht davon versuche ich trotzdem das Publikum weihnachtlich zu stimmen. Ein Fest der Liebe. Wir sollten auf’s Geld vergessen, auf allen Zwist. Ein Fest der Familie. Ich weiß eigentlich selber nicht. Ich spreche davon wie anders Weihnachten bei mir daheim ist. Aber schließlich ist doch der Grund warum wir feiern auf der ganzen Welt gleich. Und damit beginnt das kleine Stück, der Engel erscheint Maria und verkündigt ihr die Geburt des Königs der Juden. Den Rest kennt jeder, nur Joseph hat seinen Text vergessen. Das Jesuskind ist in Wahrheit ein Mädchen. Aber das fröhliche Volk beginnt trotzdem zu singen, eine übermütige Mutter springt mit auf die Bühne und steigt eifrig mit in den Chor ein. Verhaltener Applaus, das war mein ganz persönlicher Weihnachtshöhepunkt. Der Rest ist ein Fest wie jedes andere: Technocumbia wird aufgelegt und nachdem zunächst nur die Kinder tanzen, trauen sich schließlich auch die Erwachsenen. Ein paar Tänze mach ich noch mit, aber so ganz dabei bin ich nicht. Das ist mir nicht Weihnachten genug. Aber immerhin hab ich aus all dem gelernt, dass mir das stille Fest wohl doch noch was bedeutet, auch wenn man das sonst so schnell nicht zugibt... Weihnachtenhasser sind Modegestalten.