Es ist Adrians Geburtstag. Wir sitzen nachmittags um drei bei einem Flaschenbier in einem kleinen Laden am Eck im anscheinenden KĂŒnstlerviertel Santo Antonio. Die Besitzerin ist eine Ă€ltere nette Dame, mit drolliger Lockenfrisur und Falten aus einem Leben voller Lachen und Weinen. Sie verschwindet beinahe hinter dem groĂen Ladentisch, in dessen Schaufenster sich Kaugummis und Schokoladenriegel stapeln, nur der kleine Kopf lugt vielleicht etwas neugierig, aber alt genug um es zu verbergen, dahinter hervor. An einem Tisch in der Ecke sitzen zwei Herren, der eine dicker, der andere Ă€lter. Beide mit ganz klaren, zum Schauen geschaffenen Augen. Auch sie trinken ihr Bier, ĂŒberall auf dem dunkeln Holztisch haben ihre Flaschen Bierkringel hinterlassen. Alles scheint zu warten, noch wissen wir nicht auf was.
Aber dann tritt Mauro ein, sein Auftritt, wie aus einem TheaterstĂŒck genommen. Ganz in weiĂ gekleidet, sein langes und schon grauendes Haar zu einem Pferdeschwanz zurĂŒckgebunden. Als hĂ€tte er dieses Erscheinen schon tausendmal geprobt hat er sofort alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er reicht mir die rechte Hand und zieht dann sofort seine Linke nach, schĂŒttelt mir wertschĂ€tzend mit beiden HĂ€nden die meinige. WĂ€hrend er die anderen begruĂt hĂ€lt er mit seiner Linken weiterhin meine Rechte fest. Als er sie loslĂ€sst zĂ€hlt er mit weit ausgestrecktem Arm die Anwesende durch und wendet sich an den Kopf hinter dem Ladentisch, von dem er ebensoviele Bierflaschen verlangt, wie Personen anwesend sind. Daraufhin lĂ€sst er sich auf einem Barhocker in der Mitte unseres Halbkreises nieder, er hat seine BĂŒhne gefunden.
Von dort ragt sein Kopf weit ĂŒber die unseren empor, in seinem weiĂen Gewand sieht er aus wie der Prophet, der uns vom Podest aus die Geburt des Messias oder den Untergang der Welt voraussagt. Seine Weisheiten beginnen unerwartet profan: âUnser Leben ist das Ergebnis von Papis und Mamis Sex!â Doch Mauro redet nicht nur mit dem Mund alleine, seine Arme erzĂ€hlen in groĂzĂŒgigen, auschweifenden Bewegungen aufgeregt mit. Wir sehen dem Spektakel unglaubwĂŒrdig zu.
Und wĂ€hrend Mauro redet, treten nun durch die verzauberte TĂŒr dieses schrulligen Ladens all die Charaktere ein, von denen sonst nur Romanautoren erzĂ€hlen. Ein zwei Meter groĂer, freundlicher Mann, dessen gutes Herz man durch sein Hemd hindurch unter seinem Anzug hervorstrahlen sehen kann. Sein LĂ€cheln irgendwo zwischen naiv-fröhlich und allwissend-zufrieden. Mauro scheint ihn nicht wirklich zu bemerken, er ist vollkommen in seiner eigenen ErzĂ€hlung gefangen.
In diesem Augenblick hĂ€lt eine restaurierte Vespa vor der TĂŒr, ein junger, schwarzer Mann, anfang zwanzig steigt ab und schnallt einen Kasten Bier von seinem GefĂ€hrt ab. Diesen trĂ€gt er dann mit nur scheinbar an dem Geschehen in unserem kleinen Laden uninteressiertem Blick zu uns herein und stellt ihn neben dem Ladentisch ab. Dabei setzt er seinen schĂŒtzenden Helm nicht ab, wie ein Astronaut auf Forschungreise in einer unbekannten Welt stapft er durch den Wunder gewordenen Raum. Der kleine Frauenkopf kommt hinter dem Ladentisch hervor und bekommt dabei einen Körper, Beine und FĂŒĂe. Mauro lĂ€sst sich nicht stören, er rudert weiter mit seinen Armen irgendwo durch die Trivialphilosophie, lĂ€sst sich manchmal von kleinen Wellen der Geschichte wiegen und strandet auf der einsamen Insel des Humors. All das vollbringt er auf der schmalen FlĂ€che seines Barhockers, mit dem er ĂŒber uns thront. Aber ĂŒber seinen Kopf noch hinaus ragt lĂ€chelnd der Kopf des Zwei-Meter-Mannes, wie ein liebender Gott, der den Worten seines Propheten lauscht, als wĂŒsste er alles schon was dieser sagen wird. Der junge Bierbote verlĂ€sst unsere kleine Welt wieder, seine Vespa klingt viel unbeschwerter als sie nun wieder nach Atem schnappt und sich in Bewegung setzt.
Die beiden MĂ€nner am Ecktisch erwachen jetzt zum Leben, steigen in Mauros Monolog mit ein, den wir nur mit kurzen Antworten zu unterbrechen wagten. Mauro wird sein kleiner Barhocker zu klein, seine Bewegungen mĂŒssen noch gröĂer werden, er steht auf und kommt mit seinem Gesicht ganz nah an das meine und flĂŒstert mir etwas ein, das nicht mal Gott hören kann. Eine Hand auf meiner Schulter und ein wohlwollendes ZĂ€hneblitzen, das im eifrigen Nicken des Kopfes untergeht, versichern mir seine Zuneigung. Langsam beginnt sich meine Zeit langsamer zu drehen, alle meine Sinne sind angespannt, um alles was um mich herum geschieht in mich aufzusaugen, so einmalig ist das alles. Meine Augen sehen nicht nur, sie tasten das Relief bunter Farben, welches dieses Schauspiel vor mir vereint, Zentimeter fĂŒr Zentimeter ab. Als ich die Vespa wieder anrauschen höre, wieder unter der Last eines neuen Bierkastens stöhnend, und kurz darauf der Bierbote mit seinem Astronautenhelm erneut eintritt, da weiĂ ich, dass ich mich in einem kompletten Moment befinde. Nichts kann diesem Moment entweichen, zu stark ist seine Gravitation. Der Bierastronaut auf seinem Vesparaumschiff konnte nicht genug Energie aufbringen, um das Gravitationsfeld zu verlassen. Die Autos, die vor der TĂŒr in seltenen AbstĂ€nden bergauf und bergab fahren, sind immer die selben, gefangen auf der Umlaufbahn dieses Momentes. Ein hĂŒbsches MĂ€dchen in gelbem Shirt und abgetragenen Jeans kommt immer wieder neu an einem kleinen Laden an einer Ecke in Sant Antonio vorbei. Sie weiĂ nicht warum. Alles dreht sich... und Gott lĂ€chelt.
